Jahrtausendelang wuchs die Weltwirtschaft schrittweise und langsam, getragen vom Bevölkerungswachstum und dem zunehmenden Handel über große Entfernungen hinweg. Rohstoffe wurden durch manuelle Arbeit und Verfahren in Fertigwaren umgewandelt – häufig durch Versuch und Irrtum, was Jahrhunderte dauern konnte. Nach fast 5.000 Jahren aufgezeichneter Geschichte veränderte die industrielle Revolution alles. Unternehmen, die Fabriken und Maschinen – auch als Sachkapital bezeichnet – einsetzten, erzielten erhebliche Produktionssteigerungen. Produktivität und Produktionsleistung stiegen sprunghaft an, und die Welt rückte ein Stück näher zusammen.
Im 20. Jahrhundert führte der rasante Aufstieg des Dienstleistungssektors dazu, dass für viele Unternehmen nun die Menschen – also das Humankapital – zum Maßstab für den Unternehmenserfolg wurden. Heute erleben wir einen weiteren großen Entwicklungssprung: Immer mehr Organisationen treiben die digitale Transformation ihres Geschäfts voran, und der Wert moderner Unternehmen liegt zunehmend in ihren Anwendungen und Daten.
Es lässt sich durchaus argumentieren, dass Anwendungen tatsächlich das wichtigste Kapital eines digitalen Unternehmens sind. Betrachten wir dazu zwei Beispiele: Facebook hat abgesehen von jährlich 15 Milliarden US-Dollar für die IT-Infrastruktur keine nennenswerten Investitionsausgaben und beschäftigt knapp 30.000 Mitarbeiter – verfügt jedoch über ein Anwendungsportfolio im Wert von mehr als einer halben Billion US-Dollar. Das übersteigt das Bruttoinlandsprodukt aller Länder der Welt mit Ausnahme von 26. Netflix hat keine nennenswerten Investitionsausgaben und beschäftigt rund 5.500 Mitarbeiter – bei einem Anwendungsportfolio im Wert von 175 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Disney, eine der bekanntesten Marken der Welt, Betreiber riesiger Themenparks und Eigentümer eines gewaltigen Medienimperiums, wird mit weniger als 160 Milliarden US-Dollar bewertet.
Bevor ich zu F5 kam, habe ich 15 Jahre lang bei McKinsey Kunden davon überzeugt, dass die Mitarbeiter das wichtigste Kapital eines Unternehmens sind. Das gilt nicht mehr. Wir befinden uns im Zeitalter des Anwendungskapitals.
Anwendungssammler
Mittelständische Unternehmen haben in der Regel mehrere Hundert Anwendungen in ihrem Portfolio. Einige große Bankkunden, mit denen ich gesprochen habe, verfügen sogar über mehr als 10.000. Dennoch können die meisten Unternehmen, die ich frage, die Anzahl der Anwendungen in ihrem Portfolio nur ungefähr beziffern. Fragt man sie, wem diese Anwendungen gehören, wo sie ausgeführt werden und ob sie Bedrohungen ausgesetzt sind, werden die Antworten etwas vage. Zweifellos haben dieselben Unternehmen viel in die Verwaltung ihres Sach- und Humankapitals investiert, doch für ihre Anwendungen lässt sich das leider noch nicht behaupten.
Die Auswirkungen sind enorm. Sicherheit, einheitliche Richtlinien, Compliance, Performance, Analysen und Monitoring – um nur einige zu nennen – stellen für immer mehr Unternehmen, deren Anwendungen über eine schwindelerregende Kombination aus Rechenzentren, Colocation-Einrichtungen und Public Clouds verteilt sind, komplexe und kostspielige Herausforderungen dar, die sich auf ihre Wettbewerbsfähigkeit auswirken.
In unserer neuesten Kundenstudie gaben fast neun von zehn Unternehmen an, bereits mehrere Clouds zu nutzen. 56 % erklärten, dass ihre Cloud-Entscheidungen inzwischen für jede Anwendung einzeln getroffen werden. Hochgerechnet sind Hunderte von Konstellationen denkbar, in denen die Anwendungen der Unternehmen in sehr unterschiedlichem Maße unterstützt werden.
Die Folgen sind, dass viele wertvolle Unternehmensressourcen bestenfalls unzureichend überwacht werden und schlimmstenfalls anfällig für böswillige Angriffe sind. Angesichts des Unternehmenswerts, der Anwendungen zuzuschreiben ist, wird es meiner Meinung nach nicht mehr lange dauern, bis mehr Unternehmen endlich entsprechend viel Energie und Ressourcen für die Verwaltung und Überwachung ihrer Anwendungsportfolios aufwenden.
Grundsätze für eine Welt der Anwendungen
Wie erreichen wir also dieses Ziel? In Gesprächen mit Kunden konzentriere ich mich häufig auf drei Kernbereiche – Grundsätze, die ihnen helfen, den Wert ihres Anwendungskapitals zu maximieren. Diese Grundsätze sind weder neu noch stehen sie im Widerspruch dazu, wie Unternehmen sowohl in Industrie- als auch in Dienstleistungsökonomien Kapital verwaltet haben. Die Herausforderung besteht darin, sie im digitalen Zeitalter auf die Entwicklung und Verwaltung unserer Anwendungen zu übertragen. Wie können wir die Konsequenz und Disziplin, die uns bei der Verwaltung von Sach- und Humankapital in Fleisch und Blut übergegangen sind, auf diesen neuen Kontext anwenden?
- Richten Sie den Fokus Ihrer Entwickler auf Differenzierung. Im Bereich des Sachkapitals setzen Hersteller dieses Kapital ein, um globale Lieferketten aufzubauen, deren Präzision und Effizienz zu einem Vermögenswert für ihr Unternehmen werden. Im digitalen Zeitalter bedeutet dies, dass die richtigen Personen die richtigen Aufgaben übernehmen sollten, um Anwendungen schneller auf den Markt zu bringen und den Nutzen von Investitionen zu maximieren. Entwickler sollten sich darauf konzentrieren können, geschäftlichen Mehrwert zu schaffen, ohne sich mit Verfügbarkeit, Stabilität, Sicherheit oder Compliance befassen zu müssen.
- Wählen Sie die optimale Infrastruktur für die Anwendung. So wie verschiedene Berufe spezialisierte Arbeitsumgebungen erfordern – denken Sie etwa an Köche, Architekten oder Sportler –, haben auch Anwendungen ihren natürlichen Lebensraum. Eine Universallösung gibt es nicht – arbeiten Sie mit den Anbietern und Partnern zusammen, die Ihre individuellen Anforderungen am besten erfüllen. Die Abhängigkeit von einem bestimmten Anbieter gehört der Vergangenheit an. Dank offener Architekturen, APIs und der Standardisierung von Infrastruktur können Kunden heute aus einer nahezu unbegrenzten Kombination von Lösungen, Services und sogar Funktionen wählen, um ihre Anwendungsinfrastruktur aufzubauen, bereitzustellen und zu unterstützen.
- Nutzen Sie in Ihrem gesamten Portfolio einheitliche Anwendungsdienste. Industrieunternehmen kümmerten sich um die regelmäßige Wartung ihrer Maschinen und gewährleisteten die physische Sicherheit ihrer Fabriken. Dienstleistungsunternehmen investieren stark in Personal- und betriebliche Gesundheitsprogramme, um wichtige Fachkräfte zu halten. Auch Anwendungen benötigen Dienste. Dienste zur Bereitstellung und Absicherung von Anwendungen können jedoch häufig zusätzliche Komplexität verursachen und werden uneinheitlich oder gar nicht eingesetzt. Anwendungsdienste sollten unkompliziert, leicht verfügbar und auch in zunehmend komplexen und umfangreichen Anwendungsportfolios effizient zu verwalten sein.
Anwendungskapital ist bereits der wichtigste Treiber für Differenzierung und Wertschöpfung in modernen Unternehmen. Dennoch wenden nur wenige Unternehmen ausreichend Energie und Ressourcen für die Verwaltung und Überwachung ihrer Anwendungsportfolios auf.
Das effektive Management dieses Anwendungskapitals wird das nächste Amazon, Google, Microsoft oder Netflix hervorbringen. Entscheidend wird weder sein, wie viele physische Ressourcen Unternehmen in ihrer Infrastruktur, ihren Lagerhäusern oder Ausstellungsräumen einsetzen, noch wie viele Mitarbeiter sie beschäftigen. Der eigentliche Wettbewerbsvorteil wird in ihren Anwendungen liegen. Anwendungen werden die am schnellsten wachsenden Umsatzquellen erschließen und erheblichen Mehrwert für die Anteilseigner schaffen. Als besonders nachhaltige gemeinsam genutzte Dienste werden Anwendungen einen Mehrwert für die Gemeinschaft schaffen. Und vor allem werden Anwendungen die besten Talente anziehen, da sie besonders interessante und erfüllende Arbeit bieten.
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