Falls Sie Lydia Leong noch nicht kennen: Sie ist VP Distinguished Analyst beim Marktforschungsunternehmen Gartner und gehört wie ich zu den „Top 10 Women in Cloud“. Sie twittert oft mit einer gewissen Schärfe (was mir gefällt). Wie viele andere hat sie häufig fundierte Beobachtungen zum Thema Cloud im Unternehmenskontext angestellt. Bereits 2011 wies sie auf die Bedeutung des Konzepts hin, das wir heute zunehmend als „Colo Cloud“ bezeichnen. Ich möchte ihre Worte nicht umschreiben – hier ist, was sie „damals“ dazu zu sagen hatte:
“…eine beträchtliche Anzahl unserer Kunden benötigt Hybridlösungen. Sie haben einen Server oder ein Gerät, das nicht in die Cloud verlagert werden kann. Das häufigste Szenario ist, dass viele Unternehmen über große Oracle-Datenbanken verfügen, die leistungsstarke dedizierte Server benötigen. Diese bringen sie in einem Colocation-Rechenzentrum (oder bei einem Managed-Hosting-Anbieter) unter und verbinden sie dann direkt mit den Web-Frontends und Anwendungsservern in der Cloud. Es gibt jedoch auch andere Beispiele: Einige unserer E-Commerce-Kunden nutzen etwa Verschlüsselungs-„Blackboxes“, die nur als Hardware erhältlich sind. Diese befinden sich daher im Colocation-Rechenzentrum, während alles andere in der Cloud läuft. Außerdem haben wir sehr viele Kunden, die den Großteil ihrer Systeme im Colocation-Rechenzentrum betreiben und sie dann um Cloud-Kapazitäten ergänzen – entweder als kurzfristig zuschaltbare Kapazität für ihre dort betriebenen Anwendungen oder für weniger ressourcenintensive Anwendungen, die sie in die Cloud verlagern, die aber weiterhin eine schnelle, direkte und sichere Kommunikation mit den zugehörigen Backend-Systemen benötigen.”
Das war damals Realität und ist es auch heute noch: Unternehmen haben den Kopf in den Wolken, stehen aber mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Diese Realität ist bei Weitem nicht so attraktiv wie eine reine Cloud-Lösung, und doch müssen die meisten Unternehmen tagtäglich damit leben.
Ja, sie wollen „in die Cloud“. Nein, sie wollen weder Kontrolle noch Sicherheit opfern, und schon gar nicht sind sie an dem zeitaufwendigen Prozess interessiert, eine große Anwendung „neu zu schreiben“, um die Vorteile der Cloud nutzen zu können. Ich habe Freunde in der Unternehmens-IT, die Jahre – buchstäblich Jahre – ihres Lebens damit verbracht haben, große Anwendungen von einer Plattform auf eine andere zu migrieren – und zwar innerhalb des Unternehmens. Das ist kein triviales Unterfangen. Allein die Kosten können einen Schock auslösen. Fred Brooks liefert uns in seinem berühmten Werk „Vom Mythos des Mann-Monats“ eine einfache Gleichung zur Kostenschätzung. Bei einer Anwendung mit 100.000 Codezeilen und durchschnittlichen Entwicklerkosten von 500 US-Dollar pro Tag kostet es stolze 4 Millionen US-Dollar, diese Anwendung neu zu schreiben, zu testen, zu debuggen und bereitzustellen. Die Neuentwicklung großer Anwendungen überschreitet zudem häufig sowohl das Budget als auch den Zeitplan. Schlimmer noch: Laut der Standish Group scheitern 70 % aller Projekte zur vollständigen Neuentwicklung von Anwendungen. Es ist leicht nachzuvollziehen, warum Unternehmen in vielen Fällen auf SaaS setzen, wann immer sie damit veraltete Anwendungen ersetzen können.
Und wie in den Jahren seit dem Aufkommen der Cloud immer wieder betont wurde, gibt es im Netzwerk eine Vielzahl von „Blackboxes“, die häufig sicherheitsrelevant sind und nicht in die Cloud verlagert werden können. Sie lassen sich auch nicht unbedingt ersetzen. Sie sind nicht nur Teil der Sicherheitsstrategie, sondern auch Teil der Architektur, und sie sind Bestandteil jener Checklisten, die den Zertifizierungen der Organisation in Bezug auf Compliance, Qualität und branchenspezifische Anforderungen zugrunde liegen. Sie können nicht einfach entfernt werden, ohne ersetzt, geprüft und zertifiziert zu werden, damit das Unternehmen seine Zertifizierung nicht verliert.
Tatsächlich. Da wäre etwa ISO 27001 mit dem Schwerpunkt Informationssicherheit. Diese Norm erfordert eine Menge Dokumentation, Richtlinien und Verfahren sowie technische Kontrollen. Das Gleiche gilt für ISO 9001, die auf Qualitätsmanagement ausgerichtet ist. Darüber hinaus gibt es branchenspezifische Zertifizierungen und Standards, die allesamt Engagement und ein besonderes Augenmerk auf Prozesse, Richtlinien und Kontrollen erfordern. Es geht nicht nur um den Code oder die Architektur, sondern auch um das Unternehmen. Und die weniger greifbaren Aspekte eines Unternehmens lassen sich nicht immer ohne Weiteres herauslösen, neu gestalten und in ein einfach bereitzustellendes virtuelles Image für eine Public Cloud verpacken.
Aber die Cloud!
Unternehmen wollen die Cloud – und das aus gutem Grund. Neben den Anwendungsfällen, die durch die Einführung von SaaS-Anwendungen abgedeckt werden, gibt es für Unternehmen weitere überzeugende Einsatzmöglichkeiten für die Cloud: Kapazität, Marketing, mobile Anwendungen und kurzlebige Apps. All dies sind zweifellos hervorragend geeignete Workloads für die Migration in eine Public Cloud. Manche Anwendungen benötigen jedoch mehr. Sie brauchen Anwendungsdienste und Sicherheit und müssen innerhalb des Rahmens von Zertifizierungen und Standards betrieben werden, die das Unternehmen für seine Tätigkeit in der jeweiligen Branche erfüllen muss. Andere wiederum sind durch zahlreiche Integrationen und Abhängigkeiten gebunden. Dies fördert die zunehmende Beliebtheit der Private Cloud gegenüber der Public Cloud und die Erkenntnis, dass manche Workloads schlichtweg nicht in eine „öffentliche“ Cloud verlagert werden können.
Deshalb erweist sich die Colo-Cloud als attraktive Option. Sie schafft eine Umgebung, in der ein eher traditioneller Hosting-Service mit Cloud-Interconnects kombiniert werden kann – schnellen Verbindungen mit geringer Latenz zu einer angrenzenden Public-Cloud-Umgebung, durch die die Cloud zu einer echten Erweiterung des Rechenzentrums wird. Diese Colo-Cloud-Anbieter können eine Lösung bereitstellen, die den Anforderungen von Unternehmen gerecht wird, die es sich nicht leisten können, Anwendungen neu zu schreiben oder auch nur auf eine andere Hosting-Plattform zu verlagern, um sie an eine Public-Cloud-Umgebung anzupassen. Dies ist der „Lift-and-Shift“-Ansatz, bei dem die Anwendung, ihre Architektur und ihre Prozesse bildlich gesprochen aus ihrer bisherigen Umgebung herausgehoben und in eine Colo-Cloud verlagert werden. Komponenten, die in die Public Cloud migriert werden können, lassen sich über den direkt angebundenen Cloud-Interconnect mit geringer Latenz dorthin verschieben.
Unternehmen profitieren von Kosteneinsparungen und der Flexibilität der Public Cloud, da sie Anwendungen bedenkenlos im Public-Cloud-Bereich des Rechenzentrums bereitstellen können. Diese Sicherheit beruht auf dem Wissen, dass Datensicherheit und Leistung gewährleistet bleiben, weil die Datenquellen zusammen mit der Infrastruktur und den Diensten, mit denen die Anwendung ursprünglich bereitgestellt wurde, sicher im Bereich des Hosting-Anbieters untergebracht sind.
Die Colo-Cloud ist eine echte Alternative, die Unternehmen in Betracht ziehen sollten, um nicht nur Anwendungen, sondern das gesamte Geschäft voranzubringen – wenn schon nicht vollständig in die Cloud, dann zumindest in greifbare Nähe.
Über den Autor

Lori MacVittie ist Distinguished Engineer und Chief Evangelist im Office of the CTO von F5 und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Anwendungsbereitstellung, Automatisierungsstrategie und Infrastruktur. Sie ist dafür bekannt, Komplexität verständlich zu machen – ob sie Leitplanken für KI-Agenten definiert, fragile Multicloud-Architekturen analysiert oder die Grenzen skalierbarer Systeme auslotet. Sie verfügt über mehr als dreißig Jahre Branchenerfahrung in der Anwendungsentwicklung, IT-Architektur sowie im Netzwerk- und Systembetrieb. Bevor sie zu F5 kam, war sie als mehrfach ausgezeichnete Technologie-Redakteurin tätig. MacVittie hat einen Masterabschluss in Informatik und ist eine produktive Autorin, deren Veröffentlichungen die Bereiche Sicherheit, Cloud und Unternehmensarchitektur abdecken. Außerdem spielt sie leidenschaftlich gern Brett- und Videospiele und vertritt mit voller Überzeugung klare Ansichten zum Thema Käse.
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