Jedes Mal, wenn eine neue Technologie oder ein neuer Ansatz in der Datenverarbeitung in unser Blickfeld rückt, wird sie bzw. er sofort aufgegriffen und als „x“ definiert. Vielleicht basiert diese Einordnung auf Merkmalen wie Elastizität und einem verbrauchsabhängigen Geschäftsmodell. Möglicherweise gibt es dazu auch eine Eselsbrücke wie CAMS, die klar benennt, welche Komponenten erforderlich sind, damit etwas als „echtes X“ gilt.
Und wenn Sie die Anforderungen nicht erfüllen, die nun ja von irgendjemand anderem festgelegt wurden, werden die Experten Ihre Bemühungen als „nicht X“ abtun. Denn ein echtes X würde niemals auf Y* verzichten.
An diese existenzielle Wahrheit wurde ich während einer Unterhaltung auf Twitter erinnert, in der jemand bemerkte: „Automatisierte Infrastruktur ist keine Cloud.“
Nun, nach manchen Definitionen von „Cloud“ stimmt das. Tatsächlich machen es einige Cloud-Definitionen einem Unternehmen gänzlich unmöglich, ein Cloud-Computing-Modell in der eigenen Infrastruktur zu implementieren. Andere lassen dies zwar zu, machen es aber unwahrscheinlich. Und wieder andere sind so vage, dass sie sogar SaaS als gültiges Beispiel für eine „Cloud“ einschließen.

Ja, ich war dort. Vor Jahren.
Entscheidend ist: Unternehmen ist es egal, ob ihnen irgendjemand im Internet mit einem „100 % Cloud“-Siegel bestätigt, dass ihre Implementierung den Anforderungen entspricht. Die Argumente gegen eine private Cloud (On-Premises) drehen sich seit Jahren darum, dass die Public Cloud schneller, effizienter und agiler sei als ihre an Rechenzentren gebundenen Pendants. Tatsächlich umfasst jede Form der Cloud als Teil ihrer Implementierung eine Automatisierungsinfrastruktur. Ohne sie gibt es weder die sofortige Bereitstellung noch die Flexibilität der automatischen Skalierung oder die dem Cloud-Modell innewohnende Möglichkeit, Ressourcen nach Bedarf ein- und wieder auszuschalten.
Ganze 50 % der Cloud bestehen lediglich aus Technologie. Die andere Hälfte entfällt auf Abrechnung, Services und Prozessautomatisierung.the cloud is just technology. The other half is billing and services and process automation.
Ich habe erlebt, wie Kunden die „Cloud“ lautstark (und mit einer gewissen Verachtung) abtun. Ein Teil dieser Geringschätzung rührt von einem allzu häufig anzutreffenden prokrustischen Ansatz an Technologie und deren Anpassung durch Unternehmen her. Prokrustes ist, wie Sie sich vielleicht erinnern, einer der zahlreichen Schurken, die vom griechischen Helden Theseus besiegt wurden. Den Erzählungen zufolge lädt Prokrustes Vorbeikommende ein, bei ihm zu übernachten, und verbringt dann den Abend damit, sie mit den jeweils für ihre Statur geeigneten Methoden an das Bett anzupassen. (Wie er dabei wohl vorgegangen sein mag, überlasse ich Ihrer Fantasie – überlebt hat es jedenfalls niemand.) „Als prokrustisch werden daher Situationen bezeichnet, in denen unterschiedliche Längen, Größen oder Eigenschaften an einen willkürlich festgelegten Standard angepasst werden.“ (Wikipedia)
Wenn Unternehmen lediglich ihre Infrastruktur automatisieren und das dann Cloud nennen – na und? Wenn es nicht in Prokrustes’ Definition passt, aber die gewünschten Ergebnisse erzielt, spielt das dann eine Rolle? Sie wollen Anwendungen schneller, intelligenter und sicherer bereitstellen. Ob sie eine vollständige Cloud oder nur eine halbe implementieren, interessiert sie nicht. Solange sie ihre Aufgaben schneller, effizienter und agiler erledigen als bisher, ist das sowohl für die IT als auch für das Unternehmen ein Gewinn. Und genau darum geht es schließlich bei der Einführung jeder Technologie oder Methodik.
Denn all diese Dinge sind relativ. Schneller. Mehr Effizienz. Größere Agilität. Es geht nicht darum, mit Public-Cloud-Anbietern gleichzuziehen – das können Unternehmen nicht, weil ihnen das Volumen (und die geschäftliche Motivation) fehlt –, sondern darum, IT-Services im Tempo des Geschäfts bereitzustellen. Unternehmen sind nicht an einem Abzeichen interessiert, das ihnen „Cloud-Reinheit“ bescheinigt, damit ihr CIO stolz verkünden kann: „Erfolg freigeschaltet“. Sie wollen die Art und Weise verbessern, wie die IT ihre Services für den Rest des Unternehmens bereitstellt.
Ja, es mag also stimmen, dass Unternehmen, die behaupten, „Cloud“ zu betreiben, aus Sicht derjenigen, die einen allzu starren Maßstab anlegen, dies in Wirklichkeit gar nicht tun. Vielleicht automatisieren sie lediglich ihre Infrastruktur und einige manuelle Prozesse, um die Geschwindigkeit, Agilität und Bereitstellung ihrer Dienste und damit auch der Anwendungen zu verbessern, die das Unternehmen benötigt. Doch letztlich ist das bereits die halbe Cloud.
Und eine halbe Cloud ist besser als gar keine Cloud.
* Dies ist das technische Äquivalent zum logischen Fehlschluss des „Kein wahrer Schotte“. Langjährige Leser werden wissen, dass logische Fehlschlüsse die kleine Lori zum Weinen bringen.
Über den Autor

Lori MacVittie ist Distinguished Engineer und Chief Evangelist im Office of the CTO von F5 und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Anwendungsbereitstellung, Automatisierungsstrategie und Infrastruktur. Sie ist dafür bekannt, Komplexität verständlich zu machen – ob sie Leitplanken für KI-Agenten definiert, fragile Multicloud-Architekturen analysiert oder die Grenzen skalierbarer Systeme auslotet. Sie verfügt über mehr als dreißig Jahre Branchenerfahrung in der Anwendungsentwicklung, IT-Architektur sowie im Netzwerk- und Systembetrieb. Bevor sie zu F5 kam, war sie als mehrfach ausgezeichnete Technologie-Redakteurin tätig. MacVittie hat einen Masterabschluss in Informatik und ist eine produktive Autorin, deren Veröffentlichungen die Bereiche Sicherheit, Cloud und Unternehmensarchitektur abdecken. Außerdem spielt sie leidenschaftlich gern Brett- und Videospiele und vertritt mit voller Überzeugung klare Ansichten zum Thema Käse.
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