Wenn Sie in den vergangenen, nun ja, fast 20 Jahren irgendetwas von dem verfolgt haben, was ich geschrieben habe, wissen Sie bereits, dass die Anwendungsarchitektur tiefgreifende Auswirkungen auf die Anwendungsbereitstellung hat. Es geht nicht nur darum, wie Anwendungen entwickelt werden, sondern auch darum, wie sie sich verhalten, wie sie skalieren, wie sie ausfallen und vor allem, wie sie sich durch die Infrastruktur bewegen, die wir für ihre Bereitstellung aufgebaut haben. Und Agentenarchitekturen stellen all das definitiv auf den Kopf.
Diese Weiterentwicklung wird diesmal mehr erfordern als die Unterstützung neuer Protokolle oder neue Sicherheitsfunktionen. Sie wird eine Klassifizierung erfordern.
Die Branche klassifiziert Datenverkehr nun schon seit Jahren – allerdings meist, um ihn zu stoppen. Wir alle haben Klassifizierung eingesetzt, um Bots zu blockieren, Bedrohungen herauszufiltern und schädliche Payloads mit WAF-Richtlinien abzuwehren. Das sind mittlerweile Grundvoraussetzungen. Und genau auf diesen Bereich war die Klassifizierung bislang weitgehend beschränkt: Sicherheit.
Doch KI verändert den Datenverkehr und die für seine Verarbeitung erforderlichen Ressourcen. Und Agentenarchitekturen? Sie verändern nicht nur die Spielregeln, sondern das Spiel selbst.

Jeder POST kann eine Anfrage sein, ein Ziel oder ein KI-Agent, der versucht, sich durch Ihren Stack zu navigieren. Er kann eine Orchestrierung anstoßen, einen rekursiven Workflow auslösen oder Ihr Backend mit einem Prompt aus 200 Token überlasten, der auf 20.000 anwächst. Und die Infrastruktur? Sie hält nach wie vor alle POSTs für gleich.
Genau das ist das Problem.
Moderner Datenverkehr ist nicht einfach nur Datenverkehr; er ist eine Aufgabe, ein Auftrag, eine Entscheidung. Und Ihre Fähigkeit, ihn zu klassifizieren, bevor Sie ihn weiterleiten, entscheidet darüber, ob Ihre App reaktionsschnell, verfügbar und letztlich sicher bleibt.
1. Verbindungsbasiertes Routing (veraltet)
Beginnen wir mit dem Vertrauten. Das traditionelle Modell der Datenverkehrssteuerung, das auf dem Routing der Schicht 4 (L4) basiert, bildet nach wie vor eine wesentliche Grundlage des Internets. Dieser Ansatz stützt sich auf grundlegende Parameter:
- L4-Routing: Entscheidungen auf Grundlage von Details der Transportschicht, etwa IP-Adressen und Portnummern.
- Pfadbasiertes Routing: Eingeschränkte Prüfung von URL-Pfaden, üblicherweise auf der Anwendungsschicht (Schicht 7).
- Homogene Serverpools: Backend-Server werden als identisch behandelt, ohne Unterscheidung nach spezialisierten Funktionen.
- Lastverteilung: Gleichmäßige Verteilung der Verbindungen auf die Server, um eine Überlastung zu vermeiden.
Das Problem? Dieses Modell ist weitgehend blind für die Bedeutung einer Anfrage. Es betrachtet den Datenverkehr als einheitliche Pakete und nicht als unterschiedliche Aufgaben mit verschiedenen Anforderungen. In der heutigen Welt der generativen KI, eingebetteter großer Sprachmodelle (LLMs) und agentenbasierter Frameworks stellt diese Blindheit ein wachsendes Risiko dar, da nicht mehr jeder Datenverkehr gleich ist.
Betrachten wir zwei HTTP-POST-Anfragen:
- Bei der einen könnte es sich um einen einfachen CRUD-Vorgang (Erstellen, Lesen, Aktualisieren, Löschen) handeln, etwa um die Aktualisierung eines Benutzerprofils.
- Eine andere könnte einen komplexen Multi-Agenten-Workflow auslösen, etwa eine KI-gestützte Schlussfolgerungsschleife, die fünf nachgelagerte Tool-Aufrufe durchführt, Daten in eine Datenbank schreibt und eine lang andauernde Textzusammenfassung startet.
Wenn Ihre Infrastruktur diese Anfragen gleich behandelt und dieselben Routing-Regeln, Zeitüberschreitungen oder Backend-Server verwendet, sind Probleme vorprogrammiert. Engpässe, Ausfälle oder Leistungseinbußen können die Folge sein, wenn eine ressourcenintensive KI-Aufgabe wie eine einfache Datenbankabfrage behandelt wird. Moderner Datenverkehr erfordert ein intelligenteres Management.
2. Klassifizierungsbasiertes Routing (aktuell/Übergangslösung)
Wir nutzen L7-Routing schon seit Jahren. Dabei gleichen wir Pfade ab, untersuchen Nutzdaten und werfen einen Blick in Header, um zu entscheiden, an welchen Pool der Datenverkehr weitergeleitet werden soll. Das ist inhaltsbasiertes Routing. Es ist nützlich. Aber es verrät nur, was die Anfrage enthält, nicht, warum es sie gibt.
Was wir brauchen, um voranzukommen, ist eine kontextbasierte Klassifizierung.
- Arbeitet auf L7+, geht aber über die Nutzdateninspektion hinaus.
- Der Datenverkehr wird anhand von Absicht, Komplexität und Kosten klassifiziert.
- Handelt es sich um eine Zusammenfassungsaufgabe oder um eine Benutzeranmeldung?
- Ist es rekursiv, KI-generiert oder latenzempfindlich?
- Pools unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer Kapazität, sondern auch ihrer Leistungsfähigkeit.
- Bei Routing-Entscheidungen wird nicht nur das Format, sondern auch der Zweck berücksichtigt.
So vollziehen wir den Wandel weg von der Betrachtung des Datenverkehrs als „auszuliefernde Inhalte“ hin zu „zu verarbeitender Arbeit“. Dadurch können wir in Echtzeit entscheiden, wohin eine Anfrage geleitet, wie sie priorisiert und welche Richtlinien angewendet werden sollen – je nachdem, welches Ziel mit der Anfrage verfolgt wird. Ob man das nun absichtsbasiert oder kontextsensitiv nennt, spielt keine große Rolle, denn der Wandel ist real: Anfragen sind nicht mehr nur Transaktionen. Sie werden zu Aufrufen. Auslösern. In HTTP verpackten Zielen.
All dies lässt sich direkt den Top 10 der Anwendungsbereitstellung zuordnen: Nr. 4 (Datenverkehrskontrolle), Nr. 5 (Datenverkehrssteuerung) und Nr. 6 (Latenzmanagement). Denn was sich nicht in einen Kontext einordnen lässt, kann man weder kontrollieren noch steuern oder optimieren.
3. Aufgabenbasiertes Routing (im Kommen)
Dorthin geht die Entwicklung, insbesondere da agentische Systeme und rekursive Planer zunehmend Einzug in produktive Umgebungen halten. Wir stellen nicht mehr nur Inhalte bereit. Wir verwalten Ziele. Und das verändert alles.
In diesem Modell führt eine einzelne Anfrage nicht immer zu einer einzelnen Antwort. Stattdessen kann sie eine Abfolge kleinerer Aufgaben anstoßen. Einige dieser Aufgaben können parallel ausgeführt werden. Andere können davon abhängen, dass zunächst etwas anderes abgeschlossen wird. Sie leiten nicht nur Datenverkehr weiter, sondern koordinieren Arbeitsabläufe.
Betrachten Sie es eher als Workflow denn als Pipeline. Sie verwalten eine Checkliste mit Schritten, die alle zu einem Ergebnis beitragen. Einige Schritte können sofort ausgeführt werden, andere müssen warten, bis sie an der Reihe sind. Doch alles muss auf Grundlage von Kapazitäten, Richtlinien und der aktuellen Auslastung koordiniert, überwacht und gesteuert werden.
An diesem Punkt stößt die herkömmliche Routing-Logik an ihre Grenzen. Statische Pfade und einheitliche Richtlinien reichen nicht aus, wenn sich jede Anfrage zu einem mehrstufigen Prozess mit mehreren Agenten entwickeln kann. Sie benötigen ein System, das versteht, worin die Aufgabe besteht, was dafür erforderlich ist und wer oder was am besten dafür geeignet ist – und nicht nur, wohin das Paket gesendet werden soll.
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Ohne Klassifizierung ist all das nicht möglich. Wenn Ihre Infrastruktur nicht versteht, welches Ziel eine Anfrage verfolgt, kann sie diese nicht intelligent weiterleiten. Das ist keine ferne Zukunft, sondern bereits Realität im Entstehen. Und die Klassifizierung bildet die Brücke zwischen der Weiterleitung von Anfragen und echter Koordination.
Warum das wichtig ist
Um es klar zu sagen: Es geht hier nicht darum, weitere Metadaten hinzuzufügen oder eine ausgefeiltere Routing-Tabelle zu erstellen. Es geht darum, unsere Sichtweise auf den bereits vorhandenen Datenverkehr zu verändern.
Durch Klassifizierung können wir Anfragen nicht mehr nur reaktiv bearbeiten, sondern sie verstehen, bevor wir sie weiterleiten, skalieren oder etwas zum Absturz bringen, weil wir eine rekursive Agentenschleife genauso behandeln wie den Abruf einer statischen Ressource.
Es geht längst nicht mehr nur um Sicherheit. Es geht nicht nur darum, was in der Anfrage enthalten ist. Es geht darum, was die Anfrage bedeutet, was sie bewirken soll, wie ressourcenintensiv sie ist und welche nachgelagerten Systeme sie betrifft.
Und genau deshalb ist Klassifizierung nicht bloß irgendein neuer Trend. Sie ist eine Notwendigkeit. Ein unverzichtbarer Schritt bei der Weiterentwicklung des Traffic-Managements, damit es der Welt gewachsen ist, die wir gerade aufbauen: einer Welt, in der Agenten, Aufgaben, Workflows und Echtzeit-Orchestrierung keine Randfälle mehr sind, sondern flächendeckend eingesetzt werden.
Was man nicht versteht, kann man nicht steuern. Klassifizierung schafft die Grundlage für dieses Verständnis.
Über den Autor

Lori MacVittie ist Distinguished Engineer und Chief Evangelist im Office of the CTO von F5 und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Anwendungsbereitstellung, Automatisierungsstrategie und Infrastruktur. Sie ist dafür bekannt, Komplexität verständlich zu machen – ob sie Leitplanken für KI-Agenten definiert, fragile Multicloud-Architekturen analysiert oder die Grenzen skalierbarer Systeme auslotet. Sie verfügt über mehr als dreißig Jahre Branchenerfahrung in der Anwendungsentwicklung, IT-Architektur sowie im Netzwerk- und Systembetrieb. Bevor sie zu F5 kam, war sie als mehrfach ausgezeichnete Technologie-Redakteurin tätig. MacVittie hat einen Masterabschluss in Informatik und ist eine produktive Autorin, deren Veröffentlichungen die Bereiche Sicherheit, Cloud und Unternehmensarchitektur abdecken. Außerdem spielt sie leidenschaftlich gern Brett- und Videospiele und vertritt mit voller Überzeugung klare Ansichten zum Thema Käse.
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