Es ist wieder so weit. Nein, damit ist nicht nur die Vorweihnachtszeit gemeint. Die ist zwar auch da, aber ich spreche von der Auswertung unserer jährlichen Umfrage „The State of Application Strategy“.
Eines der großen Themen, die Ihnen bei der Veröffentlichung der Ausgabe 2023 begegnen werden, sind digitale Dienste und deren Auswirkungen auf so gut wie alles. Bevor wir also darüber sprechen, wie digitale Dienste die Bereitstellung von Anwendungen, die Anwendungsbereitstellung und -sicherheit sowie alle anderen Ebenen des IT-Stacks beeinflussen, sollten wir zunächst klären, was damit gemeint ist, denn wahrscheinlich verstehen wir darunter nicht (ganz) dasselbe.
Da ich gerade ans Einkaufen denke, nehmen wir das doch als Grundlage für ein Beispiel, oder?
Was ist ein digitaler Dienst?
Im Sinne der digitalen Transformation – die eine geschäftliche Reise ist – ist ein digitaler Dienst ein geschäftliches Konstrukt, das aus Apps, APIs, App-Bereitstellung, Sicherheit, Daten und den Service-Level-Zielen besteht, an denen sich der Betrieb orientiert.

Genau, tatsächlich handelt es sich nicht einfach nur um eine App im Internet oder eine in einer Public Cloud gehostete App. Vielmehr ist es ein Geschäftskonzept, das ein komplexes Zusammenspiel von Tools und Technologien erfordert und ein digitales Erlebnis bietet, über das Verbraucher mit Ihnen interagieren können, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.
Wenn Sie schon einmal Lebensmittel eingekauft haben, wissen Sie, dass das Einkaufserlebnis durch einen Einkaufswagen mit einem defekten Rad, zu viele Menschen in einem Gang oder dadurch beeinträchtigt werden kann, dass die benötigte Packung glutenfreier Tagliatelle ausverkauft ist und Sie stattdessen Penne nehmen müssen. Welch ein Graus! Und das betrifft nur den eigentlichen Einkauf. Auch der Bezahlvorgang trägt wesentlich zur Gesamtzufriedenheit mit dem Einkaufserlebnis bei. Lange Warteschlangen, nicht richtig funktionierende Scanner oder langsames Kassenpersonal können das Erlebnis beeinträchtigen.
Und dann müssen die Einkäufe auch noch bezahlt werden. Wenn das Kassenterminal unzuverlässig ist oder die Verbindung zu Ihrer Bank nicht richtig funktioniert, wird das Einkaufserlebnis wohl kaum optimal sein, oder?
Es zeigt sich, dass das „Einkaufserlebnis“ in Wirklichkeit aus einer Vielzahl kleinerer „Erlebnisse“ besteht, die von Faktoren beeinflusst werden, die nicht direkt mit dem Einkaufen selbst zusammenhängen, sondern vielmehr mit den Abläufen und dem gesamten Prozess, die zusammen das ausmachen, was wir als „Einkaufen“ bezeichnen.
Dasselbe gilt für digitale Dienste. Digitale Dienste sind ein Geschäftskonstrukt, das durch eine Reihe von Prozessen und Abläufen definiert ist, die so ineinandergreifen, dass Verbraucher mit einer Organisation, etwa einem Unternehmen, interagieren können. „Online-Shopping“ ist ein digitaler Dienst. Das Erlebnis, das Sie bei der Nutzung dieses Dienstes haben, wird somit zum digitalen Erlebnis.
Das digitale Erlebnis wird ebenso wie sein Pendant in der realen Welt nicht nur durch die Benutzeroberfläche geprägt, sondern auch durch die Leistung, Sicherheit und Verfügbarkeit aller miteinander verknüpften Prozesse, aus denen sich der gesamte Service zusammensetzt. In einem modernen, ausgereiften digitalen Unternehmen definieren Service-Level-Ziele (SLOs) die Erwartungen an das Erlebnis. Dadurch erhält das Betriebsteam – in der Regel SREs – die Möglichkeit, die für Skalierbarkeit und Leistung (Anwendungsbereitstellung und -sicherheit) verantwortlichen technischen Komponenten zu überwachen und automatisch anzupassen, um diese Erwartungen zu erfüllen.
| Faktoren des Einkaufserlebnisses | Geschäftliche Erwartung | Faktoren des digitalen Erlebnisses |
| Das „kaputte Rad“ am Einkaufswagen | Performance | Das Speicherleck in einem Dienst |
| Ein verwirrendes Labyrinth aus Gängen | Navigation | Eine schlecht gestaltete Benutzeroberfläche |
| Sicherungsetiketten | Sicherheit | CAPTCHAs |
| Zu wenige Kassenkräfte im Verhältnis zur Kundenzahl | Verfügbarkeit | Zeitüberschreitungen bei Diensten |
Diese Faktoren erstrecken sich über verschiedene „Prozesse“ – vom Einkauf über den Bezahlvorgang bis hin zur Zahlung –, doch jeder einzelne kann das Gesamterlebnis beeinflussen. Da wir sie nicht getrennt voneinander betrachten, sind sie alle Teil desselben Erlebnisses.
Das gilt auch für digitale Erlebnisse, bei denen mehrere Apps unterschiedliche Prozesse innerhalb desselben Erlebnisses abbilden können und eine „schlechte“ Erfahrung mit nur einer davon das gesamte Erlebnis beeinträchtigt.
Die Rolle der Anwendungsbereitstellung und -sicherheit
Wenn Sie sich noch einmal das Diagramm zum digitalen Service ansehen, werden Ihnen einige interessante Aspekte auffallen.
Erstens werden Daten neben der Logik als gleichberechtigter Bestandteil behandelt. Bislang bildeten Daten unabhängig davon, ob es sich um traditionelle Anwendungen (Client-Server, dreistufige Webarchitektur) oder moderne Anwendungen (Microservices, mobile Apps) handelte, stets eine separate – und üblicherweise „dritte“ – Schicht innerhalb von Anwendungsarchitekturmustern.
Das ändert sich gerade. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, näher darauf einzugehen, aber glauben Sie mir: Neu entstehende Anwendungsarchitekturen kommen ohne Schichten aus und benötigen keine Anwendungen, die zwischen Nutzern und Daten vermitteln. Es gelten völlig neue Spielregeln.
Zweitens sind Anwendungsbereitstellung und Sicherheit ebenfalls zentrale Bestandteile eines digitalen Dienstes. Auch das ist neu, denn während des größten Teils dieses Jahrhunderts wurden Anwendungsbereitstellung und Sicherheit lediglich als nachträgliche „Zusätze“ behandelt. Doch bei der Definition eines digitalen Dienstes reicht es nicht aus, die Erwartungen an das Nutzungserlebnis anhand von SLOs festzulegen – wie schnell, wie verfügbar, MTTR –, ohne zugleich etwas dafür tun zu können. Genau darin besteht die Aufgabe von Anwendungsbereitstellung und Sicherheit: Sie ermöglichen Anpassungen und Änderungen an einem digitalen Dienst, die sich positiv auf das digitale Erlebnis auswirken. Sie sind die Kontrollpunkte, über die Leistung, Skalierbarkeit und Sicherheit eines digitalen Dienstes angepasst werden.
Aus diesem Grund sind wir der Ansicht, dass Anwendungsbereitstellung und -sicherheit eine eigenständige Disziplin mit eigenen Tools, Technologien und Verfahren bilden. Denn bei einem digitalen Service sind Skalierbarkeit, Sicherheit und Performance längst keine optionalen Extras oder rein betrieblichen Belange mehr, sondern geschäftliche Anforderungen, denen die architektonischen Bausteine Rechnung tragen müssen, die Unternehmen einsetzen, um das Geschäftskonstrukt eines digitalen Service bereitzustellen.
Doch für die Bereitstellung und Unterstützung digitaler Services braucht es mehr als nur Anwendungsbereitstellung und Sicherheit. Unternehmen müssen sich sechs zentrale Fähigkeiten aneignen, wenn sie in einer digitalen Welt erfolgreich sein wollen, und die Anwendungsbereitstellung ist nur eine davon.
In unserem Buch Enterprise Architecture for Digital Business erfahren Sie mehr über alle sechs Kernkompetenzen, die ein digitales Unternehmen benötigt.
Über den Autor

Lori MacVittie ist Distinguished Engineer und Chief Evangelist im Office of the CTO von F5 und verfügt über umfassende Expertise in den Bereichen Anwendungsbereitstellung, Automatisierungsstrategie und Infrastruktur. Sie ist dafür bekannt, Komplexität verständlich zu machen – ob sie Leitplanken für KI-Agenten definiert, fragile Multicloud-Architekturen analysiert oder die Grenzen skalierbarer Systeme auslotet. Sie verfügt über mehr als dreißig Jahre Branchenerfahrung in der Anwendungsentwicklung, IT-Architektur sowie im Netzwerk- und Systembetrieb. Bevor sie zu F5 kam, war sie als mehrfach ausgezeichnete Technologie-Redakteurin tätig. MacVittie hat einen Masterabschluss in Informatik und ist eine produktive Autorin, deren Veröffentlichungen die Bereiche Sicherheit, Cloud und Unternehmensarchitektur abdecken. Außerdem spielt sie leidenschaftlich gern Brett- und Videospiele und vertritt mit voller Überzeugung klare Ansichten zum Thema Käse.
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